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GTA 6 Geheimhaltung: Was Rockstar vor Gericht preisgibt

Eddy Hanné13.09.2026, 16:00 Uhr||Aktualisiert: 15.10.2026, 14:40 Uhr
GTA 6 Geheimhaltung: Was Rockstar vor Gericht preisgibt
Bild: Rockstar
Offiziell bestätigt. Die Angaben stammen aus den Eröffnungsschriftsätzen beider Prozessparteien, die IGN, Insider Gaming, Dexerto, PC Games und Eurogamer vorliegen. Es sind Darstellungen von Parteien, kein Urteil.

Um vor dem Arbeitsgericht in Glasgow zu begründen, warum 31 Entlassungen gerechtfertigt waren, hat Rockstar sein Sicherheitsregime so genau beschrieben wie nie zuvor.

Auf einen Blick
  • Besucher unterschreiben Verschwiegenheitserklärungen, USB-Sticks sind verboten, private Handys kommen nicht ins Netz, Homeoffice ist stark eingeschränkt.
  • Nach Drohnenflügen vor den Bürofenstern ließ Rockstar Sichtschutzfolie anbringen. Fünf Ermittler und ein Leiter suchen in Vollzeit nach Lecks.
  • Der Schriftsatz nennt den Leak von 2022, drei Entlassungen wegen Geheimnisverrats und die Erpressung durch Cyberleek als Belege.
  • Die Gegenseite wirft Rockstar vor, 21 Monate lang einen Informanten im Gewerkschafts-Discord gehabt zu haben. Rockstar spricht von drei Whistleblowern.

Seit dem 10. September verhandelt das Arbeitsgericht in Glasgow über die Entlassung von 31 Mitarbeitern von Rockstar North, drei weitere in Kanada sind nicht Teil des Verfahrens. Die Gewerkschaft IWGB sagt, die Leute wurden gefeuert, weil sie eine Gewerkschaft gründen wollten. Rockstar sagt, sie hätten vertrauliche Informationen über GTA 6 auf einem Discord-Server geteilt. Wie der Auftakt lief und warum die Entlassenen selbst von einem Boykott abraten, steht im Artikel zum Prozessbeginn.

Neu ist der Schriftsatz, mit dem Rockstar in die Anhörung gegangen ist. Eurogamer hat die Eröffnungsplädoyers beider Seiten vollständig erhalten, IGN, Insider Gaming und Dexerto haben Rockstars Fassung ausgewertet. Um zu erklären, warum ein Discord-Gespräch eine fristlose Kündigung rechtfertigen soll, musste das Studio erklären, wie ernst es Geheimhaltung nimmt. Und das tut es auf mehreren Seiten.

Sicherheit wie bei Apple und einer Wall-Street-Bank

Die Geheimnisse des einzigartigen Gameplays und Designs zu schützen ist vergleichbar damit, wie Apple das iPhone schützt oder Coca-Cola seine Rezeptur.
Rockstar Games im Schriftsatz zum Tribunal, laut IGN
Guarding the secrets of the unique gameplay and design are akin to Apple protecting the iPhone or Coke protecting its formula.

Rockstar habe deshalb, so der Text weiter, die Sicherheitshaltung einer Wall-Street-Bank übernommen. Die Anforderungen an Informationssicherheit lägen weit über dem, was die meisten Arbeitgeber verlangen. Was das im Alltag heißt, listet der Schriftsatz auf, und IGN gibt die Liste wieder:

  • Jeder Besucher unterschreibt vor dem Betreten eine Verschwiegenheitserklärung
  • Externe Dienstleister werden im Haus von Sicherheitspersonal begleitet
  • Homeoffice ist stark eingeschränkt, externe Datenträger wie USB-Sticks sind verboten
  • Fotografieren am Arbeitsplatz ist untersagt, private Laptops, Tablets und Handys kommen nicht ins Firmennetz
  • Mitarbeiter dürfen Vertrauliches nicht einmal in der eigenen Familie weitergeben

Die Social-Media-Richtlinie geht laut IGN noch einen Schritt weiter: Schon ein harmloses Foto des eigenen Schreibtischs könne vertrauliche Informationen preisgeben. Insider Gaming zitiert aus denselben Unterlagen einen ehemaligen Technical Director, der Rockstar eine „nahezu pathologische Besessenheit mit Vertraulichkeit“ bescheinigt. Der Satz stammt von der Gegenseite, aber Rockstar würde ihn vermutlich als Kompliment nehmen.

Drohnen vor dem Fenster, fünf Ermittler im Haus

Der Teil, der über die üblichen Firmenregeln hinausgeht, betrifft die Außenwelt. Rockstar schreibt, dass Drohnen eingesetzt wurden, um durch die Bürofenster zu fotografieren. Die Antwort war Sichtschutzfolie an den Gebäuden. Mitarbeiter würden online belästigt, und es gebe regelmäßig Angriffe auf die Systeme des Studios.

Deshalb beschäftigt Rockstar ein Vollzeitteam aus fünf Ermittlern und einem Leiter, das nichts anderes tut, als nach möglichen Lecks zu suchen. Dazu kommen laut Schriftsatz Phishing-Versuche und Social Engineering gegen einzelne Beschäftigte, mit dem Ziel, Passwörter und Zugangsdaten abzugreifen.

Wie weit die Beobachtung von außen geht, beschreibt Rockstar mit Beispielen, die IGN wiedergibt. Fans hätten die Häufigkeit von Kaffeebesorgungen der Mitarbeiter und Pizzalieferungen an die Büros verfolgt, sogar das Verkehrsaufkommen vor den Standorten sei ausgewertet worden, um Rückschlüsse auf den Release-Termin zu ziehen. Zwei belanglose Tweets von Mitarbeitern hätten 2025 die Theorie ausgelöst, ein neuer Trailer komme am 27. Dezember. Wer die GTA-6-Berichterstattung des vergangenen Jahres verfolgt hat, kennt jede dieser Geschichten.

Die Leaks, die Rockstar aufzählt

Einige dieser Angriffe waren erfolgreich.
Rockstar Games im Schriftsatz, laut IGN
Some of those attacks have been successful.

Gemeint ist zuerst der Leak von 2022, als dutzende Videos aus einer unfertigen Version von GTA 6 im Netz landeten. Laut Schriftsatz begann er mit einem Phishing-Angriff, der einem Hacker Zugriff auf den Rechner eines Mitarbeiters gab und von dort auf Rockstars interne Slack-Kanäle. Dexerto hebt genau diese Passage hervor, weil sie den Weg des Angriffs erstmals aus Rockstars eigener Feder beschreibt.

Dann die Entlassungen wegen Geheimnisverrats, die IGN aus dem Dokument zusammenträgt: ein Mitarbeiter in den USA im November 2023, einer im britischen Lincoln im April 2025, einer in Indien im November 2025. In allen drei Fällen ging es um Informationen, die an Dritte gingen und dann in sozialen Medien landeten.

Und schließlich die jüngste Episode. Rockstar schreibt von einer Hackergruppe, die das Studio in den vergangenen Wochen zu erpressen versuchte, und meint damit den Fall, den wir im Porträt von Cyberleek und in der Chronik des August-Leaks aufgeschrieben haben. Der Schriftsatz beziffert den Schaden: Rund zwei Milliarden Dollar Börsenwert von Take-Two seien binnen weniger Tage verschwunden, als der Hack öffentlich wurde. Zum Vergleich nennt IGN den Tag der Verschiebung auf den 19. November 2026, an dem der Kurs 3,75 Milliarden Dollar verlor.

Die Geschichte der Leaks hat uns hypervigilant gemacht, Informationen so eng wie möglich zu verschließen.
Rockstar Games im Schriftsatz, laut IGN
The history of leaks has made the Respondent hypervigilant to lock information down as tightly as possible.

Der Satz über 32 Spieler

Ein Detail aus dem Schriftsatz hat es zur eigenen Schlagzeile gebracht. Laut Dexerto führt Rockstar als Beispiel für die Discord-Gespräche an, dass dort ein „Online-Format für 32 Spieler“ eines vertraulichen Projekts erwähnt wurde. Solche Spielmerkmale zählten zu den „am strengsten gehüteten Geheimnissen des Unternehmens“, ein Mitarbeiter habe die Diskussion als „außerordentlich alarmierend“ empfunden.

Dexerto ordnet das richtig ein: Der Satz belegt, dass über 32 Spieler gesprochen wurde, nicht, dass der neue Online-Modus damit startet. Die Zahl geistert seit Oktober 2025 durch die Berichte, damals aus demselben Verfahren. Was über den Online-Modus von GTA 6 tatsächlich belegt ist, bleibt dünn, und Rockstar hat im Schriftsatz kein Interesse daran, das zu ändern.

Die Gegenseite: ein Informant im Discord

Der Schriftsatz der Kläger umfasst über 100 Seiten, und sein Kernvorwurf dreht die Geschichte um. Laut PC Games, das die von Game-Developer-Redakteur Chris Kerr aufbereiteten Gerichtsakten auswertet, hatte Rockstars Personalchef Charlie Kinloch einen Informanten in dem Discord-Server. Eine Nachwuchskraft habe ihm über 21 Monate hinweg in mindestens 26 Treffen berichtet, was dort besprochen wurde, samt Screenshots und Audioaufnahmen. Gewerkschaftstreffen seien gemeldet, einzelne Aktivisten namentlich identifiziert worden.

Die Daten daneben sind der eigentliche Vorwurf. Am 7. Oktober 2025 habe der Informant gemeldet, der Gewerkschaft fehlten nur noch zwölf Mitglieder bis zu den zehn Prozent der Belegschaft, die für eine staatliche Anerkennung nötig sind. Diese Schwelle sei am 18. Oktober erreicht worden, Kinloch habe es am 20. Oktober erfahren. Ende Oktober folgten die Entlassungen.

Rockstar bestreitet die Informanten nicht, nennt sie aber anders: drei Whistleblower, die sich aus Sicherheitsbedenken an die Leitung gewandt hätten. Und das Studio bestreitet, dass der Server geschützt war. In einem der drei Chaträume seien fast 350 Personen gewesen, davon 26 gar keine Rockstar-Mitarbeiter. Die Gewerkschaft hält dagegen, der Zugang sei nur auf Einladung möglich gewesen.

Ein zweiter Kläger hat die Beobachtung noch weiter zurückdatiert. Dayne Oram, einer der Entlassenen und Mitgründer des Servers, sagte laut Dexerto vor Gericht aus, er halte eine Unterschriftensammlung aus dem Frühjahr 2023 für den Anfang. Rund 150 Beschäftigte hatten damals gegen die Pflicht zur Rückkehr ins Büro unterschrieben, nur 15 bis 20 davon waren Gewerkschaftsmitglieder. Erstquelle dafür ist die schottische Zeitung The Herald.

Ich glaube, das bildet die Grundlage einer Beobachtungsliste von Leuten, die man wegen weiterer Aktivitäten im Auge behalten sollte.
Dayne Oram vor dem Arbeitsgericht, laut Dexerto
I believe this forms the basis of a watch list of people to keep an eye on for further activities.

Rockstars Vertreter hielt Oram im Kreuzverhör vor, dass auf dem Server ein Manager beschimpft wurde. Oram räumte ein, das sei Fehlverhalten gewesen, widersprach aber der Einstufung als grobes Fehlverhalten, die eine fristlose Kündigung trägt.

Was das für den Prozess bedeutet

Rockstars Argument läuft so: Wer bei uns arbeitet, kennt diese Kultur, und die Kläger hätten sie in ihren eigenen Discord-Beiträgen mehrfach selbst angesprochen. Wären die Inhalte der Gespräche nach außen gelangt, so der Schriftsatz laut IGN, wären sie große Nachrichten gewesen und hätten den Aktienkurs bewegen können. Die Gewerkschaft hält dagegen, dass die Betroffenen ohne Disziplinarverfahren und ohne Einspruchsmöglichkeit gefeuert wurden, teils in Telefonaten von zwei Minuten. Einem von ihnen, Will Mesilane, sei das Arbeitsvisum entzogen worden, er musste laut IWGB nach Australien zurück.

Die Position von Rockstar Games war durchgehend klar und konsistent. Personen in Großbritannien und Kanada wurden wegen groben Fehlverhaltens nach der Weitergabe vertraulicher Unternehmensinformationen entlassen, nicht wegen angeblicher Gewerkschaftsmitgliedschaft oder -aktivität.
Sprecher von Rockstar Games gegenüber IGN
Rockstar Games' position has been clear and consistent throughout. Individuals across the UK and Canada were dismissed for gross misconduct following the sharing of confidential company information, not because of alleged trade union membership or activity.

Meiner Einschätzung nach ist der Schriftsatz stark in dem, was er beweisen will, und schwach in dem, was er beweisen muss. Dass Rockstar Geheimhaltung ernster nimmt als fast jede Firma der Branche, bestreitet niemand, die Drohnen und die fünf Ermittler machen das anschaulich. Die Frage vor Gericht ist aber eine andere. Begehen Kollegen ein Leak, wenn sie untereinander über ihre Arbeit reden? Und zwar in einem geschlossenen Raum, den sie für die Gründung einer Gewerkschaft eingerichtet haben. Ein Discord-Server mit hunderten Rockstar-Mitarbeitern ist kein Forum für Außenstehende. Genau daran wird sich das Verfahren entscheiden, und dazu sagt die Liste der Sicherheitsregeln nichts.

Der ehemalige Mitarbeiter Jason Lewis hat es gegenüber IGN so formuliert: Niemand von ihnen habe sich vorstellen können, dass Gespräche über die eigenen Arbeitsbedingungen ihr Leben auf den Kopf stellen würden. Die Anhörung sollte am 16. Oktober enden. Laut Eurogamer sind die Schlussvorträge in den November verschoben, zwei zusätzliche Verhandlungstage liegen am 17. und 18. November. Ob vor dem Release am 19. November ein Urteil fällt, ist damit offen. Parallel verhandeln Rockstar und die IWGB laut IGN weiter über eine formelle Anerkennung der Gewerkschaft, unabhängig vom Prozess.

Warum vergleicht Rockstar seine Geheimhaltung mit Apple? Im Schriftsatz zum Tribunal schreibt Rockstar, die Geheimnisse von Gameplay und Design zu schützen sei vergleichbar damit, wie Apple das iPhone oder Coca-Cola seine Rezeptur schützt. Das soll begründen, warum ein Discord-Gespräch über Spielmerkmale eine Kündigung rechtfertigt.

Wie viele Leute suchen bei Rockstar nach Leaks? Laut Schriftsatz ein Vollzeitteam aus fünf Ermittlern und einem Leiter. Dazu kommen Sichtschutzfolien an den Gebäuden, nachdem Drohnen durch Bürofenster fotografiert hatten.

Wie lange läuft das Tribunal gegen Rockstar? Die Anhörung in Glasgow hat am 10. September 2026 begonnen und sollte am 16. Oktober enden. Die Schlussvorträge sind laut Eurogamer in den November verschoben, zusätzliche Termine liegen am 17. und 18. November. Die Entlassenen fordern Wiedereinstellung oder Entschädigung und die Feststellung, dass die Kündigungen unfair waren.

Hatte Rockstar einen Spitzel im Gewerkschafts-Discord? Die Kläger werfen dem Studio das vor: Eine Nachwuchskraft soll dem Personalchef 21 Monate lang in mindestens 26 Treffen berichtet haben. Rockstar bestreitet das nicht, spricht aber von drei Whistleblowern, die sich aus Sicherheitsbedenken gemeldet hätten.

Hinweis: Vor Release beruhen viele Angaben auf Leaks, Trailern und Gerüchten und sind nicht offiziell bestätigt.

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